Rittergut Neuendorf auf der Halbinsel Gnitz (Insel Usedom) in Vorpommern
Stammsitz der Familie v. Lepel
Über 700 Jahre – von ca. 1240-1945 - war auf Usedom die Halbinsel Gnitz, südlich von Zinnowitz,
im Lepelschen Familienbesitz. Die Lepels kamen aus dem Mecklenburgischen. Sie ließen sich Mitte
des 13. Jahrhunderts auf dem vorpommerschen Festland im Raum Lassan bei Ankam und auf der Insel
Usedom nieder. Die ersten Gnitzer Lepels waren nach der familiengeschichtlichen Überlieferung
zwei Brüder: die Ritter Gerhard und Dietrich, die um das Jahr 1240 Lehnbesitz erwarben.
Lehnsherren dürften die pommerschen Herzöge gewesen sein. Denn Gerhard “von der Insel Usedom“
wird 1251 beim Pommerschen Herzog in Wolgast als Urkundenzeuge erwähnt. Noch 1945 befanden sich
auf dem Neuendorfer Gutsgelände zwei etwa 700 Jahre alte Eichen, die angeblich von den beiden
ersten Lepels angepflanzt worden waren. In der Familie hatten die Bäume die Namen “Gerhard“ und “Dietrich“.
Ursprünglich gab es auf der Halbinsel nur die Lepelschen Güter Netzelkow und Lütow. Netzelkow
war der Hauptort. Von dort aus wurden auch Lütow und die vorgelagerte Insel Görmitz bewirtschaftet.
In der Netzelkower Patronatskirche St. Marien steht ein sehenswerter Taufstein mit einer zwölfeckig
behauenen Schale auf rundem Fuß aus der frühen Lepel-Zeit. Er ist einer der ältesten, vollständig
erhaltenen auf Usedom. Derselben Zeit sind auch die beiden Glocken vom Glockenstuhl auf dem Kirchhof
zuzuordnen. Eine der beiden zeigt das Lepelsche Wappen in der ältesten uns bekanntesten Form mit fünf
Löffeln (Lepel = plattdeutsch Löffel) als Helmzier. Erst später trägt das Wappen neun Löffel.
Die Kirche selbst ist erst im 14. Jahrhundert anstelle eines Vorgängerbaus errichtet worden.
Im 14. Jahrhundert zeigte sich recht bald, dass Netzelkow für die Lepels als Rittersitz zu klein
wurde. Schon 1367 ist die Rede von einem “neuen Dorf“ auf dem Gnitz, dem späteren Neuendorf. Die
dortigen Lepel-Besitzer waren dann allerdings vierhundert Jahre lang nicht die gleichen wie die
von Netzelkow. Erst im 18. Jahrhundert kamen die Gnitzer Güter in die Hand eines einzigen Angehörigen
der Familie. Von dieser Zeit an gehörten alle Lepelschen Acker- und Weideflächen wirtschaftlich zu
Neuendorf. So blieb es bis 1945. Trotzdem waren, rechtlich gesehen, Neuendorf und Netzelkow noch
im 19. Jahrhundert eigenständige Güter. In den Güteradressbüchern wurden sie getrennt ausgewiesen,
wobei für Netzelkow die Wirtschaftsfläche mit 551 ha, die für Neuendorf mit 819 ha angegeben wurde.
Hinzu kam Privatforst in der Größe von 353,7 ha. Die eine Hälfte der Forstfläche lag nördlich, die
andere Hälfte in größeren und kleineren Parzellen südwestlich von Neuendorf.
In der Netzelkower Kirche befindet sich an der Wand rechts vom Eingang eine etwa zwanzig cm hohe
Eichenholztafel. Auf ihr sind sämtliche Besitzer des Gnitzes bis zum Ende des 19. Jahrhunderts
aufgeführt. Der letzte unter den 21 Lepel-Namen ist der von Bruno v. Lepel (1843 -1908).
Er war von 1873-1887 Kgl. Preuß. Kur-und Badekommissar von Bad Ems a. d. Lahn, danach Intendant
der Kgl. Schauspiele in Hannover, unter den Besitzern des Gnitzes im 19. Jahrhundert die
profilierteste Persönlichkeit. Spätere Besitzer sind auf der Holztafel nicht nachgetragen worden.
Jürgen Heinrich (1884-1964), Sohn und Erbe des 1908 verstorbenen Bruno, verpachtete im Jahr
1910 die Gnitzer Güter an einen Lepel-Vetter aus einem anderen Familienzweig und verkaufte sie
an ihn zwei Jahre später. Der Erwerber war Emil Frhr. v. Lepel (1872-1941), der im hessischen
Hattenbach bei Hersfeld aufgewachsen war. Dessen Sohn Franz-Karl (1905-1954), Vater des Verfassers
dieser Zeilen, war letzter Besitzer vor 1945. Er war ein kenntnisreicher Landwirt mit großen
organisatorischen Fähigkeiten. Das Gut hatte er Mitte der dreißiger Jahre - noch zu Lebzeiten
seines Vaters - übernommen. Er verstand es, dem damals hoch verschuldeten landwirtschaftlichen
Betrieb durch Verlagerung der wirtschaftlichen Schwerpunkte - weitere Reduzierung der nicht sehr
gewinnträchtigen Ackerwirtschaft zugunsten von Viehzucht und Pflanzenanbau (Errichtung moderner
Gewächshäuser)- zu größeren Erträgen zu verhelfen. Seine persönliche Tragik war es, dass er wegen
des Kriegsausbruchs und der dann folgenden Vertreibung die Früchte seiner Anstrengungen nicht mehr
ernten konnte.
Zur Geschichte des auf dem Titelblatt abgebildeten Gutshauses ist folgendes zu sagen: Noch zu
Beginn des 19. Jahrhunderts lebten die Neuendorfer Grundbesitzer in einem heute denkmalgeschützten
Gebäude, dem so genannten “Alten Strohdachhaus“, in bescheidenen Verhältnissen. Da dessen
Kleinräumigkeit den gewachsenen Ansprüchen nicht mehr genügte, errichtete man schräg gegenüber
ca. 1820 das dargestellte neue Gutshaus (heute: Dorfstraße 1) als zweigeschossiger Wohnbau. 1850
erfolgte dessen Sanierung, verbunden mit einer baulichen Erweiterung. Auftraggeber und erster
Gutsherr, der mit seiner Familie (neun Kinder) das vergrößerte Herrenhaus bewohnte, war Georg v.
Lepel (1815-1874). Den Umbau hatte er veranlasst, um mit seinen zahlreichen Söhnen und Töchtern
standesgemäß leben zu können.
Zu Brunos Zeiten, der wegen seiner beruflichen Verpflichtungen außerhalb Vorpommerns gar nicht
auf dem Gnitz lebte, wohnte in dem Gebäude der jeweilige Gutsinspektor. Zwei Jahre nach Brunos
Tod zog Emil, der den Gnitz käuflich erworben hatte, mit seiner Frau und seinen vier Kindern in
das Gutshaus. Sein Sohn Franz Karl gab nach Übernahme des Betriebs Mitte der dreißiger Jahre -
noch zu Lebzeiten seines Vaters- das Guts- und Wohnhaus auf und zog mit seiner Ehefrau in das
nahe gelegene „Wirtschafterhaus“. Dieses ist in der DDR-Zeit nach einem größeren Brand in den
sechziger Jahren eingerissen worden.
Das “Alte Herrenhaus“ wurde vermietet, fand dann aber recht bald Verwendung als Alterswohnsitz
für Franz Karls Eltern. Auch nach Emils Tod im Jahre 1941 blieb seine Witwe bis zum Einmarsch
der Sowjets dort wohnen.
Unmittelbar nach Ende des Krieges brachte man in dem Haus Flüchtlinge unter. Noch nach der Wende
in der DDR lebten in den noch bewohnbaren Räumen des immer mehr verfallenen Gebäudes vier Familien.
Das Erdgeschoß nutzte bis in die 1960- er Jahre in Kindergarten. Später bekam dort die Ortsgemeindeverwaltung
ihre Amtsräume.
Im September 2002 erwarb Claus- Christoph Ziegler, ein Landschaftsarchitekt aus Thüringen,
das Gebäude von der Gemeinde. Es gelang ihm innerhalb von einem Jahr die denkmalrechtliche Genehmigung
für die Sanierung zu erreichen. Die beispielhafte Wiederherstellung des Originalzustandes von 1850 erfolgte
in etwa 50.000 Arbeitsstunden unter Beteiligung vieler Fachleute aus der Region. Das gesamte Fachwerk wurde
instand gesetzt wobei man die historischen Baustoffe wieder verwendete. Bei der Finanzierung des Vorhabens
konnte Ziegler auf europäische Fördermittel zurückgreifen. Im Juni 2005 wurde unter das wiederhergestellte
Gutshaus in einer öffentlicehn Veranstaltung feierlich eingeweiht.
Heute beherbergt das Haus zehn sehr schöne, attraktive Ferienwohnungen. Es wird zusammen mit der neu errichteten
“Gutsschänke“ von der Familie Ziegler mit viel Umsicht und Erfolg bewirtschaftet.
Oskar Matthias Frhr. v. Lepel
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Das ’Gutshaus Neuendorf’ wurde um 1820 errichtet, nachdem das gegenüberliegende erste Gutshaus
(Schilfdach- oder später Vorsteherhaus genannt) für seine Bewohner nicht mehr ausreichte.
Anfang des 20. Jhd. wurde ein weiteres, drittes Gebäude errichtet, welches sich im südlichen
Bereich des Dorfes in einem kleinen Park befand. Dieses fiel nach dem Krieg einem durch
Fahrlässigkeit verursachten Brand zum Opfer.
Nach der Enteignung der Familie v. Lepel, in den 1950er Jahren, diente das Gutshaus verschiedenen
Nutzungen: Friseur, Kindergarten, Gemeindeverwaltung, Wohnungen. In der Folge wurden eine Reihe
von nutzungsbedingten Umbauten vorgenommen.
Das Gutshaus ist ein Teil der ehemaligen Gutsanlage in Neuendorf, welche den ’Gnitz’
über einen langen Zeitraum geprägt hat. Die vorhandenen Strukturen der Anlage mit Stallungen,
Scheunen, Gesindehäusern, Gärtnerei, dem Vorsteherhaus, sowie einer alten Brennerei bestimmen den ursprünglichen Charakter des Dorfes.
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